13. November 2011
von Mr. Blue
In einigen Lebensbereichen zählt nur eine Zahl und die kann einfach beziffert werden. Es geht nur um die Nummer 1. Es geht darum Erster zu sein. Nicht zweiter oder fünfter, sondern Erster. Dass dieses Denkmuster jeden Spitzensportler antreibt, wie Doping die Beine von Radrennfahrern, wusste schon Boris Becker und wahrscheinlich bereits die alten Griechen. So pflanzten sie in weiser Voraussicht auf die Verfettung der Menschheit den olympischen Gedanken als systemerhaltende Gegenmassnahme ins kollektive Bewusstsein. Wie unzufrieden wäre denn heute die vom Talent verschonte Masse, wenn es wie in überfüllten Zügen nur um einen Platz ginge? Mitzufahren reicht doch meistens.

Meine iPhone 4S Bestellung. Ich war auch schon schneller.
Jedoch gibt es eine moderne Disziplin, die für so manchen ehrgeizigen Menschen alle Sportarten abgehängt hat. Der längst etablierte Gadget-OL im Technik-Wald. Nirgendwo wird in der heutigen Zeit in einer solchen Masse und mit solcher Hingabe danach gestrebt, vor den Anderen zu sein. Die Geeks und Nerds von gestern stehen sich in der Kälte von heute für das Gerät von morgen ihre Beine in den Boden. Immer auf der Jagd nach dem einen Megapixel mehr, einer weiteren Dimension, einer revolutionären Funktion. Auf der Suche nach dem nächsten Produkt, das sich die Mehrheit noch längst nicht kaufen würde, aber kurz vorbei schaut, um es sich anzusehen. Getrieben von der Macht der Neuheit.
Natürlich müssen die Ambitionierten am Ball bleiben, sonst sind sie schon bald das Myspace in ihrem Freundeskreis. Denn technische Neuheiten bringen heute soziale Anerkennung und machen cooler als die Biese. Nur sind sie nicht von langer Dauer. Der Markt spukt täglich mit neuem Schnickschnack um sich, in der Hoffnung, dass die Innovatoren unüberlegt ihre alten Kinder verstossen und die vermeintliche Zukunft adoptieren. Der Grossteil jedoch ist schnell wieder Vergangenheit.

Die Diffusionskurve von Innovationen. Zur welchen Gruppe gehörst du?
Das Paradoxe am nie endenden Run der Neuzeit: Hat sich ein Produkt durchgesetzt und ist in den Mainstream diffundiert, erlischt die Aufregung der Läufer, die längst im Ziel waren. Ich weiss noch wie ich am ersten Tag stundenlang fürs iPhone 3G angestanden bin und mich der irrationalen Vorfreude hingegeben habe. Vermeintlich zur technischen Avantgarde zu gehören, ist ein Kick, der einem die Sinne vernebelt. Ein bisschen wie der Spitzensportler, der gerade zur Nummer 1 der Welt gekürt worden ist, wird das Gadget zur persönlichen Trophäe. Obwohl es immer tausende gibt, die sich gleich fühlen. Dieser Umstand wird einem erst bewusst, wenn sich Wochen und Monate später der hinterletzte Mondbewohner vom selben Stück Plastik verführen lässt. Dann bleibt nur die Suche nach dem nächsten heissesten Scheiss und die altbekannten Worte: “Ich hatte schon so ein Teil, als sie noch cool waren.”
Tags: Apple, Boris Becker, Gadget, iPhone, Technik
verfasst unter: Feature, Schuss ins Blaue
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