Wahlgedanken
Dieser Prozess, den man gemeinhin Leben nennt, hält ja durchaus ein paar Ironie-getränkte Wendungen bereit. Da wünscht man sich als postpubertierender Teenager nichts sehnlicher, als endlich 18 zu werden, um mit jedem folgenden Jahr den gegenteiligen Wunsch in sich wachsen zu spüren. Aber mein Gott, wollte ich 18 sein. Endlich über diese mentale und einst festgelegte Grenze hüpfen und ankommen, wo man glaubt hinzugehören: In die Erwachsenenwelt. Natürlich ohne die Pflichten und die genervten Stressgesichter, aber mit all den dazugehörigen Rechten. Alkohol, Autos, Zombies virtuell den Kopf wegballern und wählen gehen. 18 müsste man sein.
Natürlich kam der grosse Tag irgendwann und auf die Vorfreude folgte ernüchternde Normalität. Da hatte sich nicht viel verändert. Und wenn doch, dann war die Realität mal wieder ein ziemlicher Spielverderber. Dem Alkohol folgte der Kater, vor, nach und während des Autofahrens türmten sich Kosten und wählen war irgendwie nicht so richtig spannend. Selbst kopflose Zombies verloren langsam ihren Reiz. Dabei schrieb ich als durchaus politisch interessierter Erwachsener im Beta-Stadium vor allem dem Wählen eine geradezu historische Bedeutung zu. Selbst über die wichtigen Dinge mitzubestimmen, die Politik, das Land und die Gemeinschaft mitzugestalten, endlich eine Stimme zu haben. Wichtig zu sein. Hihi. Die Welt war noch so wunderbar in Ordnung.
In Wirklichkeit lagen plötzlich Wahlprospekte vor mir, mit denen ich oft nicht viel anfangen konnte. Oftmals, vor allem regionale Kleinigkeiten, die mich kaum bewegten. Und wenn dann doch mal ein Thema richtig brisant war, dann lief mir das Ergebnis so gegen den Verstand, dass ich begann am Schweizer Stimmbürger zu zweifeln. So kam es, dass ich nicht immer an der Urne war, obwohl ich die tiefe Wahlbeteiligung nie verstanden hatte.
Meine Stimmzettel für diesen Sonntag sind jedoch bereits verschickt. Wirklich einfach war es wiedermal nicht. Richtig attraktiv erscheint mir keine Partei. Die meisten schliddern knapp am Prädikat «unwählbar“ vorbei. Und dann kenne ich von all diesen Politiker-Fressen (Entschuldigung, aber gewisse Gesichter lassen sich kaum anders beschreiben) nur die wenigsten. Geschweige denn all die Namen auf den Listen. Sowieso kann ich es kaum glauben, dass im Jahr 2011 noch so umständlich mit Listen und Handschrift gewählt wird. Das ginge elektronisch doch viel einfacher und Fehler könnte man auch keine machen. Aber das ist ein anderes Thema.
Auf jeden Fall solltet ihr es mir gleichtun. Ihr solltet über die Wahl nachdenken. «Das ist doch alles scheisse», ist kein legitimer Kurzschluss. Und wenn nach intensiven Gedankenpeitschen das Urteil immer noch steht, dann solltet ihr vielleicht etwas dagegen tun. Wählen zum Beispiel. Oder auf dem Paradeplatz campen. Selbst wenn ihr zufrieden seid, dürft ihr das durch eure Stimme zum Ausdruck bringen. Surft auf smartvote.ch und lasst euch Tipps geben. Macht euch Gedanken. Ihr könntet es schon bald bereuen, nicht einmal darüber nachgedacht zu haben.
